Kann digitales Lernen an- oder bereichern?

Digitale Medien sollen uns nicht nur verführen, schneller, besser, angepasster zu werden, nein, sie sollen uns befähigen, ein gutes und sinnerfülltes Leben zu führen, weltoffen uns machen, mit Unterschieden, mit Differenzen und mit Widersprüchen gut in einer demokratischen, friedlichen und gewaltfreien Weise umgehen können.

Der digitale Change – digitales Lernen – lässt niemanden unberührt

[Die Kreidezeit war ein Zeitabschnitt der Erdgeschichte. Innerhalb des Mesozoikums (Erdmittelalter) ist es das jüngste und mit 80 Millionen Jahren das am längsten dauernde Periode in der Geochronologie. Sie begann vor rund 145,5 Millionen Jahren mit dem Ende des Juras und endete vor etwa 65,5 Millionen Jahren.]

Jedes digitale Gerät übt auf Benutzer (Schüler/innen, aber wahrscheinlich auch auf Sie) einen Anziehungseffekt aus. Dieser liegt in der prompten Verfügbarkeit, im attraktiven Design, in der Türöffnerfunktion zum weltweiten Wissen, zum eignen Image u.a. In jeder Schulklasse erlebe ich nach kurzer Zeit, dass das Tablet als „Werkzeug“ gesehen wir, das seine Funktion dann erfüllt, wenn es dem Fortgang der Unterrichtsstunde dient.

Nun wir können sagen, es ist recht schön, hier in einem Blog uns mit einem besonderen Thema zu befassen. Ein Gewinn für uns? Für das System Bildung? Für die Didaktik? Aber vor allem ein Gewinn – auch wenn wir dazu einen „Transmissionsriemen“ benötigen – für Schüler/innen bzw. Studierende.

Die Annahme aber, dass sich eine messbare Qualitätsverbesserung durch die verstärkten digitalen Bemühungen an den Einzelschulen von selbst ergeben würde, wird durch Vergleichsuntersuchungen eher enttäuscht. Es ist nicht das technische Gerät, das den Qualitätssprung ermöglicht, vielmehr die Kombination aus Pädagog/innen-Inputs und adäquatem Einsatz digitaler Devices.

Bei Methoden, Techniken usw. geht es nicht nur um einen „Weg zum Ziel“, sondern jede Vorgehensweise hat selbst einen „Inhalt“, eine Botschaft, und zwar in zweierlei Hinsicht:

  • Wenn ich Menschen ein Arbeitsblatt (auch digitales Lernen) gebe, das sie nach eigenem Gutdün­ken ausfüllen und anschließend mit anderen besprechen, worüber sie schließlich ein Plakat gestalten sollen, dann mute ich ihnen zu, etwas zu profitieren, ohne dass ich es Schritt für Schritt genau kontrollieren muss. Das ist dann mehr als eine „Technik“ oder „Übung“, es ist auch eine „Hal­tung“ in dieser Methode impliziert, quasi eine Didaktik, in diesem Fall die Förderung von Selbstorganisation in Gruppen. Diese Botschaft der Selbstorganisation ist dann eine erwünschte „Nebenwirkung“.
  • Wenn ich bei meinem Vorgehen andere „Materialien“ oder „Medien“ als das Gespräch verwende, dann kommen durch die jeweilige „Ladung“  des Mediums bzw. des Materials (im Sinne von McLuhans „The Medium is the Message“ sowie Petzold 1977: 101ff.) weitere implizite Wirkungen hinzu. Mit „Ladung“ ist der immanente Aufforderungscharakter gemeint, der den oder die damit befassten Menschen stark beeinflusst.

Hier unterscheiden sich grundsätzlich nicht „digitale „Ladungen  von analogen „Ladungen“.

  • Liegt auf einem Weg ein Ball , dann ist es für die meisten männlichen Wesen schwer, diesen Ball nicht mit dem Fuß in Bewegung zu setzen.
  • Ein Seidentuch provoziert runde und eher sanfte Bewegungen,
  • ein Stock provoziert eher gradlinige Bewegungen (sofern es nicht ein Taktstock ist).
  • Ein Rollenspiel lenkt die Aufmerksamkeit mehr auf die intersubjektive Kommunikation der Personen, eine grafische Darstellung eher auf die strukturelle Verknüpfung der beteiligten Menschen oder Organisationseinheiten,
  • Knetmasse (Ton) eher auf den regressiven Kontakt nach innen,
  • Farben bringen eher Stimmungen zum Ausdruck,
  • Grafiken und Schematisierun­gen fördern Prägnanz, blenden Zwischentöne bewusst aus.

Diese Ladung der Medien wirkt nicht immer und bei allen Menschen gleich, aber sie prägt Tendenzen. Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass die Vorgangsweise auch den Inhalt prägt. Tablets und Smartphones zu nutzen ohne Inhalt wäre daher genau der falsche Weg – somit fällt auch das Killerargument: „Kids machen je eh nur Copy&Past [sic] ohne dabei etwas zu lernen.“

Gehe ich davon aus, was Schüler/innen brauchen,

  • so werden sich die inneren Strukturen der Schule, z.B. HIN ZU Kollaboration innerhalb des Lehrerkollegiums (digitales Lernen) und damit auch die Prozesse verändern,
  • so wird die Ressourcenausstattung zum Anwenden der neuen Technologien ein mächtiges Umdenken erfordern und

nicht zuletzt, aber von besonderer Bedeutung, das Verhalten der Pädagog/innen entlang der Strategielinie sein.

Menschen verwenden verschiedene technische Artefakte als Medien um sich mit zu teilen, zu lernen oder zu unterhalten. Kurz gesagt: Menschen machen etwas mit Technik. Dies gilt auch im Umkehrschluss: Technik macht etwas mit Menschen.

 

Quelle: know.learn&lead (hier im Original abrufbar.)