Mitschüler motivieren mehr als Lehrer

“Komm, lass uns Mathe machen”: Auf die Motivation in der Schule haben die Sitznachbarn einen größeren Einfluss als die Lehrer – zumindest in Deutschland.

Nicht für den Pauker lernen wir, sondern für die Mitschüler – denn sie motivieren deutsche Jugendliche mehr zum Lernen als die Lehrer. Gut ein Drittel (34 Prozent) der Achtklässler zieht Schulmotivation aus der Beziehung zu den Klassenkameraden. Nur bei jedem zehnten Schüler ist die Motivation allein lehrerabhängig. 29 Prozent der Schüler motivieren sich selbst zum Lernen. Das ist ein Ergebnis der internationalen Lernvergleichsstudie “Soziale-Emotionale Lernfaktoren” (SELF), die die Universität Greifswald durchgeführt hat.

Vergleichsländer neben Deutschland sind Kanada, dessen Schulsystem als besonders erfolgreich angesehen wird, Russland, weil die Forscher es als Brückenland zwischen Ost und West ansehen, und die Philippinen als Dritte-Welt-Land.

Entsprechend unterschiedlich sind die Ergebnisse, die Studienleiterin Diana Raufelder vorstellte. So habe in Deutschland die von Jugendlichen geforderte Selbstkontrolle starken Einfluss auf die schulische Motivation. Das Verhältnis zu ihren Lehrern sei häufig formeller und distanzierter als beispielsweise in Kanada.

In Russland lange gewachsene Beziehungen

In Kanada, dessen Bildungssystem als eines der besten unter den OECD-Ländern gelte, sieht sich die Mehrheit der Schüler (57 Prozent) durch Mitschüler wie Lehrer gleichermaßen motiviert. Im Zentrum des Schulgeschehens stehe die persönliche und soziale Kompetenzentwicklung. Dazu zählen unter anderem Fähigkeiten, sich selbst Wissen anzueignen oder im Team mit anderen Schülern zu arbeiten. Solche Kompetenzen werden als gleichwertig zum Wissenserwerb gesehen.

Ähnliche Ergebnisse zeigten sich auch in Russland. Dort lernten Schüler über viele Jahre in einem Klassenverbund, sodass soziale Beziehungen zu Mitschülern und zu Lehrern wachsen könnten, sagte Raufelder.

Ganz anders das Bild auf den Philippinen: Dort gaben etwa 85 Prozent der Schüler an, sich unabhängig von sozialen Beziehungen zum Lernen zu motivieren. Das könne daran liegen, dass der Wissenserwerb und die Verbesserung der eigenen Fähigkeiten im Vordergrund stehen.

Lerntagebuch – eine Typfrage

Mit ihren Erkenntnissen zur schulischen Motivation von Jugendlichen wollen die Wissenschaftler Ansätze für die Gestaltung des Unterrichts liefern. Schüler, deren Motivation stark an soziale Bindungen gekoppelt sei, könnten beispielsweise vom Gruppenunterricht profitieren, sagte Raufelder. Individualisierte Unterrichtstechniken wie Lernbüro, forschendes Lernen, Lerntagebücher und Freiarbeit kämen hingegen eher Schülern zugute, die sich unabhängig von ihren Mitschülern und Lehrern motivieren.

In den vier Ländern wurden insgesamt mehr als 3200 Schüler befragt, in Deutschland allein 1088. Die Studie in Deutschland wurde nach Angaben der Universität in einer Kombination aus Fragebögen und Interviews durchgeführt. Begleitet wurde sie von neurowissenschaftlichen Untersuchungen bei einem Teil der Schüler. Die ersten Befragungen fanden im Schuljahr 2011/2012 an 23 Gymnasien und Oberschulen in Brandenburg statt und wurden nach zwei Jahren wiederholt.

 Quelle: spiegel.de